Bellevue-Saal | Blick zum Eingang

Kunst statt Speisen

Vom Speisesaal des Hotels Bellevue zum
Ausstellungsraum Bellevue-Saal

 

Die städtische »Galerie Bellevue«

Die Geschichte des Bellevue-Saals als Ausstellungsraum ist noch nicht lang. Nachdem 1987 das Kulturamt der Stadt Wiesbaden das Haus Wilhelmstraße 32 bezogen hatte, begann im darauf folgenden Jahr im Bellevue-Saal die städtische Ausstellungstätigkeit unter dem Namen »Galerie Bellevue«. Die Ausstellungen wurden mit ansehnlichen Summen für Sach- und Werbungskosten bezuschusst.

Aber diese rosigen Zeiten währten nur kurz. Bereits Ende 1993 drohte auf Grund der knapperen Finanzen der Stadt das Aus für die Galerie Bellevue. Das Wiesbadener Tagblatt stellte deshalb seinem Bericht vom 14.10.1993 den Titel voran: »Künstlerförderung fällt dem Rotstift zum Opfer. Keine Ausstellungen mehr in der Galerie Bellevue«.

 

Das rettende Konzept

Helmut Schulze und Gottfried Hafemann, die damaligen Vorsitzenden des 1986 gegründeten Vereins zur Durchführung künstlerischer Projekte mit gesellschaftlicher Relevanz, entwickelten in dieser Situation das Konzept 1:1. Ein hiesiger und ein auswärtiger Künstler müssen gemeinsam eine Ausstellung im Bellevue-Saal konzipieren und realisieren. Das damals entwickelte Konzept bestimmt auch heute noch den größeren Teil der Ausstellungen, und die ursprünglich von der Stadt Wiesbaden gestellten Stipendien werden jetzt vom Kunstverein vergeben.

 

Illustre Vergangenheit

Es gibt eine spannende Geschichte vor dieser Geschichte des Bellevue-Saals als Ausstellungsraum. Die »Revue Internationale HOTEL« No.10 vom 1.4.1936 berichtet über das 30-jährige bzw. 75-jährige Jubiläum des Hotels Bellevue:
»An der Stelle, wo heute das Hotelgebäude Wilhelmstraße 32 (ehemals Alleestraße) sich befindet, stand früher ein dreistöckiges Mietwohnhaus, das erstmalig in den amtlichen Akten 1820 erwähnt wird. […] Das Haus wechselte mehrmalig seinen Besitzer. […] 1864 kaufte Karl Werminghoff aus Neuß das Anwesen. Dieser hat das bisher ›Schmitt’s Privathotel‹ bekannte Haus unter dem Namen ›Hotel Belle-Vue‹ weiter ausgebaut und als solches geführt.«

Mit Stolz wird in dem Artikel eine große Zahl von Fürstlichkeiten und prominenten Gästen aufgeführt, die zu jener Zeit im Hotel Belle-Vue »Wohnung genommen und zum Teil wiederholt zu längerem Kuraufenthalt dort geweilt haben.«

 

Der Genuss hält Einzug

Über zwanzig Jahre blieb das Hotel in den Händen von Karl Werminghoff, bis er es 1884 an Victor Kleeblatt verkaufte. Ab 1888 »ließ Herr Kleeblatt weitere Umbauten und Modernisierungen im Hotel vornehmen und betrieb neben dem Hotel gleichzeitig noch ein ausgedehntes Restaurantgeschäft in dem neuerbauten Speisesaal.« Das Restaurant wird immer wieder lobend erwähnt.

Eine Weingroßhandlung kam hinzu, und bald schon entwickelte sich ein ausgedehnter Weinexport. Viele Weine wurden damals nach Holland, England und Amerika versandt.
Amerikanische, holländische und französische Gäste machten zu dieser Zeit einen Großteil der Hotelgäste aus. Dass gerade das französische Publikum gerne kam, lag nicht nur am französischen Namen des Hotels, sondern auch daran, dass Kleeblatt lange Jahre in Versailles als Oberkellner gearbeitet und wichtige Kontakte hergestellt hatte.

Allerdings wurden die Zimmer noch durch Öfen beheizt; nur im neu erbauten Speisesaal gab es eine Warmwasserheizung. Das Thermalwasser für die Bäder musste dagegen in Fässern herangefahren werden. Und ein Aufzug gehörte ebenfalls noch nicht zur Ausstattung. Das sollte sich mit dem nächsten Besitzerwechsel ändern.

Maske im Bellevue-Saal

Maske im Bellevue-Saal | Foto: Klaus Krafthöfer

Neubau des Hotels mit jetzigem Bellevue-Saal

Als Kleeblatt nach zwanzig Jahren 1904 die beiden Anwesen Marktplatz 5 und Wilhelmstraße 32 an Wilhelm August Hees verkauft, beginnt die für uns interessante Geschichte des Hotels und seines Speiseraums. Denn um den modernen Anforderungen der Gäste gerecht werden zu können, entschloss sich Hees zu einem Neubau, der heute noch steht. Mit den Arbeiten begann man am 3. Oktober 1905. In knapp anderthalb Jahren wurde das Hotel neu erbaut und »mit allen der Neuzeit entsprechenden Einrichtungen vollständig ausgestattet. [...] Vom Grund auf ganz aus Sandstein und Eisen erbaut, ist es durchaus feuersicher. Massive schallsichere Decken und Wände, Doppelfenster und Doppeltüren in allen Räumen sichern äußerste Ruhe und machen das Haus zur Erholung sehr geeignet.«

Der Werbeprospekt des Hotels verkündet stolz, dass sich auf allen Etagen Thermalbäder befinden mit direkter Zuleitung aus der Quelle, dass die Zimmer fließend heißes und kaltes Wasser haben sowie Zentralheizung.

 

Kunstgenuss statt Essen und Trinken

Das neue Hotel Bellevue wurde am 15. Februar 1906 eröffnet. Das ist die Geburtsstunde des heutigen Bellevue-Saals. Vorbei sind die Zeiten. Jetzt also Kunst. Seit über zwanzig Jahren wird im ehemaligen Speisesaal Kunst gezeigt und Klangkunst gehört. Performances werden gesehen, über Kunst wird diskutiert und es wird gefeiert. Die vorliegenden Dokumentationen verraten, wie unterschiedlich die Gesichter der Ausstellungen und Aktionen gewesen sind.

Ulrich Meyer-Husmann

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Der Bellevue-Saal heute
Foto: Gertraud Hasselbach



Saalskizze

Grundrissplan als
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Ausstellungsraum

Bellevue-Saal
Wilhelmstraße 32
65183 Wiesbaden

Telefon
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