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VELBUELE

MYRIAM HOLME - CLAUS STOLZ
MANNHEIM
VELBUELE / Installation
Eröffnung: Donnerstag, 12. Oktober, 19.00 Uhr
Einführung: René Zechlin, Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen

Blauer Himmel. Badewetter. Claus Stolz richtet sein Aufnahmegerät aus. Direkt in die Sonne. Riesige Linsen bündeln die Strahlung auf den fotografischen Film. Erste feine Bläschen. Rasch mehr. Zarter Rauch. Eine große Blase wächst wie ein Ballon, glüht auf und verpufft, fällt knisternd in sich zusammen, es stinkt, weißer Qualm, der Film fängt Feuer, das Material verkohlt und erstarrt zu bizarren Formen, Ascheflocken fliegen auf …
So weit geht Claus Stolz normalerweise nicht, kurz vor der völligen Zerstörung seines Arbeitsmaterials stoppt er den Belichtungsprozess, denn genau in diesem Bereich davor entstehen die Bildwelten seiner Heliografien, hier geht Stolz seit Jahren experimentell bis an die Grenzen des technisch, optisch und ökonomisch Machbaren: Das Material platzt, verzieht sich, schmilzt, kristallisiert und bildet vielschichtige, reliefartige Strukturen aus. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich nicht um Sonnenaufnahmen wie in der Astrofotografie, eher um mikrobiologische Strukturen aus einem zellbiologischen Labor oder um aus der Mineralogie bekannte Kristallstrukturen. Eine unter normalen Bedingungen hergestellte Fotografie löst sich bei starker Vergrößerung in Farbstoffwolken, Filmkorn, Bildrauschen oder Pixel auf. Claus Stolz’ Heliografien dagegen bleiben präzise gezeichnet – so auch bei der jetzt im Kunstverein Bellevue-Saal gezeigten analogen Projektion auf eine riesige Wandfläche. Der fotografische Ansatz als Abbildungsmedium wird dabei ad absurdum geführt, Claus Stolz’ Bildsprache ist rein physikalisch-chemisch begründet. Dabei nimmt Stolz – ganz ohne es abzubilden – genau jenes Objekt auf, das Voraussetzung nicht nur unserer Existenz, sondern auch des (fotografischen) Bildes ist – die Sonne.
So gesehen ist Claus Stolz’ Arbeitsprozess ganz archaisch und widerspricht jeder Praxis im Zeitalter digitaler Fotografie. Für seine Heliografien richtet er die auf einem eigens konstruierten Gestell montierte Riesenlinse direkt in die Sonne aus und lässt den Film dahinter anschmoren. Und als wär’s in der Steinzeit, entstehen Rauch, Feuer und Gestank. Nicht die Einwirkung von Licht auf die chemischen Substanzen des Films wird hier (wie früher in der analogen Fotografie) festgehalten, sondern radikal die Einwirkung der Sonne selbst. Auf dem Film lässt sich später „ablesen“, wie lange die Sonne sich auswirkte, ob sie nur punktuell auf den Film traf oder infolge der Erddrehung eine Wegspur hinterließ, ob Wolken dazwischen kamen und unseren Stern wieder freigaben, sogar wie hoch die Sonne stand, welche Tages- oder Jahreszeit zum Zeitpunkt der „Aufnahme“ herrschten – das alles ließe sich anhand des verschmurgelten Films rekonstruieren, insofern sind die Heliografien Dokumente eines zeitlichen Prozesses. Der Philosoph Wolfram Hogrebe bezeichnete das Universum als sinnfreie, als „kalte“ Heimat, und unsere Gottheiten schenken uns eine, wenn auch nur metaphysische, Wärme. Claus Stolz’ Arbeit lädt ein, sich auf dieses Spannungsfeld einzulassen, über alle Grenzen hinweg. Es ist die Suche nach einer Quintessenz von Überbelichtung und Dunkelkammer, Energie, Zeit und Vergänglichkeit, Material und Experiment, Forschung und Zufall, Alchemie und Schönheit. Das Interesse an Experiment und Prozess prägen auch Myriam Holmes Umgang mit einer der ungewöhnlichsten Formen von Malerei, der Form der „erweiterten Malerei“. Malerei die sich ausdehnt, die Wand verlässt, den Raum erobert, ungewöhnliche Materialien integriert (Glas, Plastik, Bambus, Aluminium, Chemikalien etc.), alchemistische Prozesse beinhaltet, das bildnerische Vokabular erweitert. Es geht um die malerischen Möglichkeiten von Materialien, die Dramaturgie entsteht zwischen den Polen „Zufall“ und „Kontrolle“. Myriam Holme bewegt sich hierbei zwischen den Gattungen Bildhauerei und Malerei und überführt die Zweidimensionalität des Bildes in den Raum. Die traditionellen Werkzeuge der Malerei – Farbe, Form, Komposition – werden kontinuierlich erweitert. So weit, dass auch eine Videoinstallation möglich wird, wie nun im Kunstverein Bellevue Saal. Diese Videomalerei mit dem Titel „sabburabus“ (2016) entstand für das Kunstmuseum Stuttgart. Die Natur wird hier zum Material, zum Spielpartner und Dialogpartner, der Malerei möglich macht. Hendrik Bündge schrieb dazu: „Jeder Moment ist einzigartig, jedes Bild zufällig: Raum und Zeit verschmelzen hier zu individuellen Bildern. Die Natur wird dabei zum Künstlersubjekt und ihr Wirken zu einer natürlichen Form von Malerei. Holmes Arbeiten erschöpfen sich jedoch nicht in einem Materialdiskurs. Die inhaltliche Tiefe der Material und Bedeutungszusammenhänge ist nicht hermetisch. Sie gleichen einer Membran, die nach beiden Seiten durchlässig ist und mit jedem weiteren Blick immer wieder neue Zusammenhänge schafft. Wie beim Lesen von Gedichten, bei denen einzelne Worte sprechende Gedankenbilder erzeugen können, gelingt es Holme, neue Weltenentstehen zu lassen. Die ständige Suche kommt einem Finden mit jedem weiteren Werk näher, bis ein „gemeinsames jetzt“(so ein Werktitel einer Arbeit von Myriam Holme) entsteht.“
Myriam Holme und Claus Stolz schaffen in Kunstverein Bellevue-Saal mit VELBUELE einen Erfahrungs- und Ideenraum, eine sezierte Umwelt als Denkraum, der zu einem erweiterten Blick einlädt. Wir blicken auf Fragmente eines vertraut-fremden Planeten, der uns vieles fragen lässt. Bewegtes Bild, stilles Bild, beide gemeinsam bilden VELBUELE, den Dialog zweier Künstler, die in unterschiedlichen Medien arbeiten, sich hier auf der Ebene der genauen Beobachtung treffen und die Natur als Kompositionspartner und Dialogpartner betrachten.

 

PHILOSOPHISCHES CAFE – LUST AM DENKEN

Leitung: Dr. Christian Rabanus, Institut für Phänopraxie,
Bellevue-Saal, Wilhelmstraße 32, 65183 Wiesbaden

Samstag, 2. Dezember 2017

Jeweils von 16.00 bis 18.00 Uhr.
Um einen Unkostenbeitrag von 5,00 € wird gebeten.

 





Bewerbungsfristen

für Stipendien

bis zum 31. 4. 2017

für Ausstellungen

bis zum 30. 6. 2018

Bewerbungen senden an:
Kunsthaus
"Bewerbung Bellevue-Saal"
Schulberg 10
65183 Wiesbaden


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